Es geht nicht ums Verkaufen! Nicht in erster Linie. Der Kunde bzw. Interessent muss fühlen, dass Sie ihn und seine individuellen Bedürfnisse ernst nehmen, und alles versuchen ihm bei der Lösung seiner Aufgaben zu helfen.
Über „soziale Verantwortung“ sprechen Unternehmen gerne…
Umwelt- und Lebensmittelskandale, Wirtschaftskriminalität, Kinderarbeit, Diskriminierung sozial Schwächerer, … – die Liste unternehmerisch, egoistischen Handelns ist lang und lässt den Gedanken an die Unvereinbarkeit von Ökonomie und Ethik aufkommen.
Es scheint fast so, als wäre „Egoismus“ das eigentliche Leitbild vieler Unternehmen.
Eine solche, verallgemeinernde Behauptung aber ist nicht fair. Denn viele v. a. inhabergeführte, mittelständische Unternehmen haben einen durchaus anspruchsvollen ethischen Wertekanon.
Beispiel Shell
Wenn von (fehlender) Unternehmensethik die Rede ist, werden deshalb auch eher Großunternehmen benannt. So beispielsweise der Ölkonzern Shell. Shell wollte 1995 seine Ölplattform „Brent Spar“ aus Kostengründen in der Nordsee versenken. Doch das einzige was sank – und zwar um bis zu 50 % – waren die Umsatzzahlen des Unternehmens. Obwohl für die Aktion alle Bewilligungen vorlagen, entschloss sich Shell die Plattform doch an Land zu entsorgen. Diese Entscheidung war mit einem erheblich höheren Kostenaufwand verbunden und geschah keineswegs freiwillig. Vielmehr reagierte das Unternehmen auf die verärgerten Reaktionen der mittlerweile informierten Öffentlichkeit: Tankstellenboykotts, Imageverluste, konstant schlechte Presse und negative Rückmeldungen an der Börse. Diesen immensen Imageschaden versuchte der Ölkonzern schließlich mit der Gegen-Kampagne „Wir werden uns ändern.“ zu beheben.
Widersprechen sich unternehmerische Gewinnerzielung und ethisch korrektes Handeln per se oder lassen sich diese Ansprüche doch miteinander vereinen?
Der Ruf nach Moral und Ethik in der Wirtschaft stellt die Entscheider vor neue Herausforderungen. Ein Unternehmen, das auf moralische Werte-Vorstellungen keine Rücksicht nimmt, läuft Gefahr seine gesellschaftliche Legitimation zu verlieren. In den USA entdeckte man schon Mitte der 60er Jahre die wachsende Bedeutung von „Corporate Social Responsibility“ (CSR). „Corporate Governance”, „Stakeholder- Balance-Management” und „Corporate Citizenship” sind weitere aus den USA importierte Modewörter, mit denen in der Kommunikation gerne geworben wird und die der Übernahme sozialer Verantwortung Ausdruck verleihen.
Ethik als Strategie
Dass Ethik eine Investition ist, die durchaus Profit bringen kann, erscheint den meisten Verantwortlichen nicht mehr widersprüchlich. Es gilt inzwischen die Ansicht: Ein Unternehmen, das Werte als Bestandteil der Unternehmensstrategie integriert, wird wirtschaftliche Vorteile gegenüber nicht- oder weniger ethisch-orientierten Wettbewerbern erzielen. Durch die Integration der Ethik in die Unternehmensstrategie müssen möglicherweise kurzfristig und im Einzelfall Nachteile in Kauf genommen werden (vgl. Beispiel Shell). Doch langfristig führt ethisches Verhalten zweifellos zur Verbesserung der Reputation eines Unternehmens. Das wiederum bedeutet, dass Ökonomie und Ethik nicht im (Ziel-)Konflikt zueinander stehen müssen.
Der Wandel des Mittelstands
Heute werden Unternehmensentscheidungen in der Öffentlichkeit und von Kunden immer mehr auf ihre moralischen Werte hin hinterfragt. Dies betrifft alle Unternehmen – unabhängig von Branche, Größe und Rechtsform. Als sich der Mittelstand noch überwiegend aus Familienbetrieben zusammensetzte, waren die Lebenseinstellung des Firmeninhabers und die Unternehmensführung nach bestimmten moralischen Prinzipien eng miteinander verbunden. Hier sei an die lang kultivierten deutschen Tugenden wie Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit erinnert. Die vorherrschende Annahme, für Mittelständler sei Unternehmensethik nicht interessant, beruht auf der Vorstellung, dass sie durch die enge Verbindung ihrer Umgebung viel stärker der sozialen Kontrolle ausgesetzt seien.Dies hat sich im Laufe der Zeit gewandelt. Angesichts der Ausweitung der Zulieferketten und der globalisierenden Märkte müssen mittelständische Unternehmen in der Lage sein, ihren Stakeholdern auch Entlassungen, Produktionen im Ausland oder ähnliche Schritte plausibel erklären zu können. Denn Skandale in der Zulieferkette oder im eigenen Unternehmen wären in hohem Grad geschäftsschädigend, so dass ethisches Verhalten zunehmend mit ökonomischen Stärken eingefordert wird. Dafür muss aber nicht extra eine spezielle Ethik-Abteilung gründet werden. Es reicht, wenn die Beachtung unternehmensethischer Grundsätze zur Chefsache gemacht wird. Zudem muss dafür gesorgt werden, dass diese Grundsätze glaubhaft nach außen transportiert werden.
Kritik des grundsätzlich Guten
Entscheidet sich ein Unternehmen dafür, ethische Grundsätze für das ökonomische Handeln festzulegen, werden sie in einem Unternehmensleitbild oder – falls sie konkreter formuliert sind – in einem Ethik- oder Verhaltenskodex dokumentiert. Diese Grundsätze sind meist sehr allgemein gehalten und gehen nur in den seltensten Fällen über das ohnehin bereits gesetzlich vorgeschriebene Maß hinaus. Damit wird aber der eigentliche Sinn und Zweck eines Leitbildes nicht erfüllt. Zudem verkörpern die aufgestellten Grundsätze oft nur eine bloße Absichtserklärung, weil konkrete Umsetzungsmöglichkeiten nicht festgeschrieben werden. Fragen, die sich stellen, sind: Wie misst man ethisches Handeln eigentlich? Und: Ist es unethisch, mit sozial- oder umweltbewusstem Verhalten auch noch Profit zu machen?
Fazit: Oft wird erst dann ethisch gehandelt, wenn der Schaden schon entstanden ist und der gesellschaftliche Druck eine Reaktion erzwingt (vgl. Beispiel Shell). Aber dann kann es bereits zu spät sein. Deshalb sollten Sie sich rechtzeitig Gedanken darüber machen, in welcher Art und Weise ethische Grundsätze Eingang in Ihre Unternehmenspolitik finden können.
Ellen Borgmeier
Mitarbeiterin, Grothus van Koten Mittelstandsmarketing, Paderborn
borgmeier@mittelstandsmarketing.de